Erzählungen und Bilder in Acrylfarben
Cover der Geschichte Der Ort, der nichts vergisst. BONUSGESCHICHTE

Der Ort, der nichts vergisst

Niemand wusste mehr, wann der Platz entstanden war.
Er lag abseits der Wege, dort, wo der Wald dichter wurde und der Boden selbst im Sommer kühl blieb. Kein Schild wies auf ihn hin. Keine Karte verzeichnete ihn. Und doch fanden ihn manche Menschen, ohne danach gesucht zu haben.

Der Stein stand mitten auf der Lichtung.
Alt. Rissig. Von Moos überzogen.
Wer genauer hinsah, erkannte Linien darin – eingeritzte Zeichen, ungleichmäßig, hastig, als seien sie nicht von einer Hand, sondern von einer Angst geführt worden.

Man sagte, der Stein trage Namen.
Nicht alle waren sichtbar. Manche erschienen nur im richtigen Licht. Andere erst, wenn man lange genug schwieg.

Die Alten erzählten, dass der Ort früher gemieden wurde.
Nicht aus Furcht vor Geistern oder Hexen – sondern vor dem, was blieb.
Denn hier blieb alles.

Worte, die nie ausgesprochen worden waren.
Blicke, die man abgewendet hatte.
Schuld, die man weitergereicht hatte wie ein Erbstück.

Wer den Stein berührte, spürte zuerst nichts.
Dann ein Ziehen in der Brust.
Dann Erinnerungen, die nicht die eigenen waren.

Eine Frau hatte hier einmal gestanden – so hieß es – mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf. Sie hatte nichts gesagt, doch der Stein hatte geantwortet. Später konnte sie nie erklären, warum sie wusste, was sie wusste. Nur, dass manche Wahrheiten nicht gelernt, sondern erinnert werden.

Der Wind bewegte sich anders an diesem Ort.
Er trug keine Blätter fort, sondern Stimmen.
Flüstern ohne Sprache. Fragen ohne Antwort.

Und manchmal – selten – lag etwas am Fuß des Steins.
Ein alter Knopf.
Ein Stück Stoff.
Ein Hut.

Niemand wagte es, ihn mitzunehmen.

Denn der Hut gehörte niemandem mehr.
Und doch hatte ihn jemand getragen.

Die, die den Ort verließen, sprachen nie darüber.
Aber sie gingen langsamer.
Sahen genauer hin.
Und wussten, dass Vergessen keine Erlösung ist – nur eine Verzögerung.

Der Stein steht noch immer dort.
Er wartet nicht.
Er ruft nicht.

Er erinnert.

Und das genügt.