
Epilog – Nach dem Nebel
Der Nebel hat sich
gelegt,
aber Wien bleibt
still.
Es ist diese besondere
Stille, die kommt,
wenn eine Geschichte zu Ende
geht –
und man weiß, dass sie nie
ganz vorbei ist.
Ich gehe durch den
Prater,
so wie damals, als alles
begann.
Die Bäume stehen wie
Wächter,
ihr Atem hängt noch im
feuchten Dunst der Nacht.
Und irgendwo in der Ferne
knarzt das Riesenrad,
wie ein Herz, das sich
weigert, stehenzubleiben.
Der Fall ist abgeschlossen,
sagen sie.
Die Zeitungen schreiben vom
Ende,
von Aufklärung, von
Gerechtigkeit.
Aber ich weiß es
besser.
In dieser Stadt endet
nichts.
Hier verwandelt sich alles
–
in Erinnerungen, in
Schatten,
in Geschichten, die
flüstern, wenn man genau hinhört.
Ich denke an Sarah
Levy,
an das Licht in ihren Augen
kurz bevor es erlosch.
An die Zeichnungen an den
Wänden.
An die Linien, so perfekt,
so grausam symmetrisch.
Vielleicht war es das, was
ihn antrieb –
der Wunsch, Ordnung im Chaos
zu finden.
Oder den eigenen Bruch zu
verstecken.
Ich zünde mir eine Zigarette
an,
der Rauch vermischt sich mit
dem Nebel,
und für einen Moment glaube
ich,
im Dunst eine Bewegung zu
sehen.
Ein Schatten.
Vielleicht
Einbildung.
Vielleicht
Erinnerung.
Man sagt, die Seele Wiens
wohne in seinen Cafés.
Aber ich glaube, sie liegt
hier –
zwischen den alten Eichen
des Praters,
wo der Nebel Geschichten
schreibt,
die kein Mensch ganz
begreift.
Ich gehe
weiter,
vorbei an der stillen
Stadt,
die mich kennt,
die mich liest,
die mich nicht
loslässt.
Und während ich im Grau
verschwinde,
höre ich das Knarzen des
Riesenrads –
dieses alte Lied von
Bewegung und Stillstand,
von Leben und
Tod,
von Symmetrie und
Verfall.
Vielleicht, denke
ich,
ist das die wahre Ordnung
der Dinge.
Und vielleicht ist es
genug,
sie einfach zu sehen.
– Spiros
Der Nebel lag schwer über
dem Prater, als Spiros Freiherr von Welsbach
die Handschuhe streifte und die letzten Tropfen vom Regenschirm
schüttelte. Die Gaslaternen zeichneten ovale Höfe ins Grau, und
irgendwo spielte ein Drehorgelmann eine Melodie, die nicht
enden wollte.
Am Fuß des
Riesenrads wartete Kommissär
Haberl, die Mütze in der Hand. „Herr Freiherr…
entschuldigen S’, dass i Sie so spät—“
„Spät?“ Spiros zog seine
Taschenuhr, hörte das gleichmäßige Ticken, beruhigend wie ein
Puls. „Die Nacht ist lediglich die geordnete Abwesenheit des
Tages, Herr Kommissär.“
Haberl verzog den Mund.
„Wenn S’ meinen. Da drüben liegt sie.“
Unter der dritten Strebe,
dort, wo eine Pfütze das Licht spiegelte, lag eine junge Frau.
Arme gefaltet, als hätte sie sich selbst zugedeckt. Kein Blut,
kein Schmutz. Nur Reihen: Blumenstiele
parallel, Knöpfe exakt geschlossen, sogar der Mantelsaum im
rechten Winkel zur Radspur.
Spiros kniete. Er stellte
den Stock ab, richtete eine schiefe Laterne, als hinge das
Ergebnis von dieser Geradestellung ab. „Wer immer sie hier
niederlegte, hasst den Zufall.“
„Also kein
Räuber.“
„Räuber mögen Unordnung,
Herr Kommissär. Das hier ist… ein
Beweisarrangement.“
Er roch an den Handschuhen
der Toten. Verbenen. Ungewöhnlich für die Jahreszeit. Dann der
Stoff: fein, aber mehrfach geflickt. Armut verkleidet als
Wohlstand.
„Schauen S’“, sagte Haberl,
„die Karten.“ Drei dünne Kartonstreifen, akkurat unter den
Schuhen geklemmt. Auf jedem eine Zahl: 1 – 1 – 2.
„Oder 11 und 2“, murmelte
Spiros. „Oder 1-1-2, die europäische… nein, die gibt’s noch
nicht.“ Er lächelte schmal über den eigenen Anflug von
Anachronie, strich sich den Schnurrbart glatt und legte die
Karten nebeneinander, mittig an der Schuhkante
ausgerichtet.
„112 kann
auch eine Winkelangabe sein.“ Er blickte zum
Riesenrad, vermaß den Schattenwurf, schnippte die Taschenuhr
auf: 23:06. „Bei dieser Stunde, diesem Himmel und dieser
Laternenhöhe fällt der Schatten dort—“
Er ging drei Schritte,
blieb, sah auf den Kies. Ein zweiter Abdruck.
Nicht von Schuhen. Von einem Stativ.
„Er fotografierte sie“,
sagte Spiros leise. „Und 112 ist der Azimut,
der den Bildausschnitt fixiert. Ein Mann, der die Welt in
Graden misst.“
Aus der Ferne riefen
Kinderstimmen, ein Hund bellte, und der Nebel drückte die
Geräusche zusammen wie Watte. Spiros richtete sich auf, griff
nach seinem Stock.
„Wir suchen keinen Dämon,
Herr Kommissär. Wir suchen einen
Geometer.“
Er zwirbelte den
Schnurrbart. Das Ritual war vollendet. „Und Geometer begehen am
Ende stets denselben Fehler: Sie glauben, der Mensch füge sich
den Linien.“
Kapitel I – Der Symmetrie-Mörder
In der Nacht hatte es wieder
gefroren.
Die Felder biss der Frost,
auf den Äckern klumpten harte Brocken Erde, und in den Rinnen
des zerfurchten Weges glänzten Pfützen unter dünnem Eis. Spiros
blieb stehen. Der Atem vor seinem Gesicht war ein kleiner
Nebel, ein geordnetes Flirren, das im fahlen Mondlicht
zerbrach.
Er hob den Blick zum alten Haus am Ende des Hohlwegs. Die Bruchsteinfassade leuchtete beinahe weiß im Mondschein, als wäre sie aus Salz gehauen. Efeu kroch daran hinauf, wie schwarze Schriftzeichen, die niemand mehr lesen konnte. Alle Fenster lagen blind und dunkel, nur die dünnen Kamine drängten sich auf dem Dach zusammen, als fröre auch ihnen.
Aus der Ferne drang ein gedämpftes Klirren – eine Straßenbahn, die in der Stadt die Kurve nahm. Wien war nah, und doch schien dieser Ort abgerissen vom Puls der Ringstraße, entrückt in ein Stück Nacht, das nur der Frost zusammenhielt.
„Herr
Freiherr?“
Kommissär Haberl stand
hinter ihm, Mantelkragen hochgeschlagen, die Stimme im
Atemrauch dumpf. „Wir haben sie im Hof gefunden. Liegt da wie
hingelegt.“
Spiros nickte, fuhr sich einmal mit der behandschuhten Hand über den Schnurrbart, als wäre es ein Ritual zur Einstimmung. „Wie hingelegt, sagen Sie? Das klingt nicht nach Mord im Affekt, Herr Kommissär. Das klingt nach… Komposition.“
Sie traten durch das Tor, das rostig in den Angeln schrie. Der Hof lag still, nur ein Brunnen in der Mitte war von Eis überzogen, die Wasseroberfläche matt wie Milchglas. Dort, am Sockel des Brunnens, lag die junge Frau. Hände gefaltet, der Kopf leicht geneigt, als schliefe sie. Neben ihr – akkurat in gleichem Abstand – drei weiße Kiesel, im Mondschein wie Perlen.
„Die Anordnung ist zu rein“, murmelte Spiros, kniete sich nieder und richtete mit zwei Fingern einen verrutschten Kiesel. „Sehen Sie, Herr Haberl – selbst der Tod gehorcht hier einer Geometrie.“
Haberl schnaubte. „Oder einer kranken Fantasie.“
„Fantasie, gewiss,“ entgegnete Spiros leise, „doch Fantasie in Linien. Und in Wien, Herr Kommissär, wo der Geist der alten Kaiserzeit noch durch Gassen zieht und das Neue sich in Baugruben erhebt – da gebiert jede Linie ihren Schatten.“
Er sah wieder auf die Toten,
zwirbelte den Schnurrbart.
„Wir suchen keinen
Mörder.“
Ein kurzer Blick zum
gefrorenen Brunnen, dann zurück zur Frau.
„Wir suchen einen
Geometer.“
Er zog ein endlos langes Taschenbuch aus seinem Ärmel und schnäuzte sich ausführlich, das Geräusch wie ein Hupenstoß im stillen Hof. Hinter den Mauern rührte sich nichts, nur der Efeu zitterte, als hätte der Frost ihn erschreckt.
Die Tote lag unverändert, doch Spiros’ Blick verengte sich. Er hatte die Arme ausgebreitet, die Ellenbogen ausgestellt, die kleinen, sauberen Hände wie die eines Schreibers, der unsichtbare Zeichen in die Luft malte. Und da – zwischen den blassen Lippen, sorgfältig hineingeschoben – ein Zettel.
Spiros zog ihn mit zwei Fingern hervor. In steifer, krakeliger Schrift:
ICH BESCHÜTZE DICH
Ein Windstoß fuhr durch den Hof, klirrte am Brunnenrand, als würde die Nacht selbst lachen. Haberl trat unruhig von einem Bein aufs andere. „Ein schlechter Scherz… oder eine Drohung.“
Da knirschten Schritte auf dem Kies. Aus dem Tor trat Dr. Verena Roth, Mantel offen, Atem dampfend, die Ärztetasche in der Hand. Sie war nicht mehr als dreißig, schmal und wachsam, die Stirn frei, der Blick kühl.
„Herr Freiherr, Herr Kommissär,“ sagte sie knapp. „Man hat mich gerufen.“
Spiros reichte ihr den Zettel, ohne ein Wort. Sie las, hob eine Augenbraue. „Pathologie ist mein Fach, nicht Wahrsagerei. Was ich sehe: Eine junge Frau, etwa 25, tot seit höchstens drei Stunden. Keine äußeren Verletzungen. Lunge vermutlich voller Kälte.“
„Und die Anordnung?“ fragte Spiros leise, mit einem Hauch von Triumph. „Die Symmetrie der Kiesel, die Geste der Arme?“
Verena Roth sah ihn scharf an. „Vielleicht ein Täter, der Theater liebt. Vielleicht ein Verrückter. Vielleicht nur Zufall.“
„Zufall,“ wiederholte Spiros und zwirbelte den Schnurrbart, „ist lediglich unvollständige Kenntnis.“
„Oder eine Ausrede für Männer, die Muster sehen wollen, wo keine sind,“ erwiderte sie trocken. Dann kniete sie nieder, öffnete die Augenlider der Toten, prüfte Pupillen, nahm die Hand, tastete den Puls, der längst nicht mehr schlug.
„Ich beschütze dich,“ las sie noch einmal von dem Zettel. „Ironisch, nicht wahr? Sie ist tot.“
„Oder es gilt gar nicht ihr,“ sagte Spiros, blickte in die Schatten des Hofes. „Vielleicht gilt es uns.“
Für einen Moment schwiegen sie, während der Frost knisterte. Dann, in der Ferne, schlug eine Glocke – Mitternacht.
„Wenn dieses arme Mädchen
nicht tot gewesen wäre,“ murmelte Haberl, „hätt’ man meinen
können, das Fremdenverkehrsamt hat das da
inszeniert.“
Sein Versuch eines Witzes
hing weiß im Atem, dann fiel er zu Boden wie ein
Eiskrümel.
Dr. Verena Roth hatte
inzwischen den Mantel der Toten gelöst. „Sie ist nahezu
vollständig ausgeblutet“, sagte sie sachlich. „Die
Hautfarbe, die schwach ausgeprägten Totenflecken, die
Schlaffheit der Venen… Das ist nicht nur Kälte.“
Sie hob den Blick zu Spiros,
ein Funkeln kühler Ironie darin. „Spiros, hören Sie— Sie werden
doch nicht an einen Vampir glauben?“
„Vampire,“ erwiderte Spiros und strich sich den Schnurrbart, „sind Logistikprobleme. Wer so viel Blut entnimmt, braucht Gerätschaften — Schläuche, Gefäße, Zeit, Ruhe. Und einen Plan.“ Er deutete auf die Kiesel, die den Brunnen säumten, drei auf jeder Seite, jeweils in exakt gleichem Abstand. „Hier fehlt es an allem, nur nicht an Plan.“
„Da ist noch etwas,“ sagte
Dr. Roth, die jetzt die Bluse der Toten vorsichtig anhob. „Ein
Zeichen.“
Mit feiner Strichführung war
auf den Bauch der Toten ein Symbol gemalt, mit etwas, das im
Mondlicht stumpf glänzte: Ruß? Tinte?
Desinfektionsmittel?
Zwei kurze, eingeritzte
Linien bildeten eine Art Winkel, darüber ein geknickter Balken,
in dessen Mitte ein schmaler, nach oben gerichteter Stab
steckte.
Spiros’ Pupillen verengten sich. „Thule,“ sagte er so leise, dass selbst der Frost einen Moment innezuhalten schien. „Nicht wörtlich, nicht in der reinen Form — aber die Anmutung ist unverkennbar. Ein völkisches Zeichen; jene Zirkel, die mit Runen spielen und mit Weltbildern jonglieren, als wären es Bauklötze.“
Haberl kratzte sich am
Nacken. „Runen? Weltbilder? Ich seh’ einen Schmarrn auf der
Haut, mehr nicht.“
„Weil der Schmarrn gerade
sein will,“ sagte Spiros mild. „Sehen Sie die
Führungslinie am unteren Rand? Jemand hat
vorgezeichnet, dann mit einer Lösung nachgezogen. Riechen
Sie’s?“
Dr. Roth beugte sich vor, hielt sich das Taschentuch an die Nase. „Karbol,“ stellte sie fest. „Ein Hauch von Phenol. Krankenhaushauch — oder ein gut sortierter Hausapotheker.“
„Und hier“, sagte Spiros,
„fehlt etwas.“
Er deutete auf die
linke Leiste der Toten. Zwischen zwei kaum
sichtbaren Haaren lag eine punktförmige
Einstichstelle, säuberlich, ohne Hämatom. Er
zog eine schmale Pinzette aus seinem Etui und hob ein winziges,
fast durchsichtiges Faserstück
an.
„Gaze,“ murmelte Dr. Roth.
„Fein. Klinikqualität.“
„Ein Abfluss über die Vena femoralis“, sagte Spiros. „Nach dem Tod oder in der Sterbephase, sauber fixiert. Wer’s tat, hatte Übung — oder Anleitung.“
Haberl fluchte leise. „Also
doch Apparate, kein Aberglaube.“
„Aberglaube ist die Maske,“
sagte Spiros und hielt den Zettel zwischen zwei Fingern hoch.
ICH BESCHÜTZE DICH. „Die
Beruhigungsformel für jene, die an Schatten
glauben. Dahinter: ein Techniker.“
Die Nacht trug einen dünnen Klang heran — eine Tramway weit draußen am Gürtel, ein Hund, der zweimal anschlug und verstummte. Spiros richtete sich, ging zwei Schritte zur Mauer mit dem Efeu. In der Höhe eines Gesichtes war die Ranke frisch abgerissen, als habe jemand einen Blickschlitz freigelegt. Darunter, im Mörtel, drei kreisrunde Druckstellen, Dreiecksanordnung, zu regelmäßig für Zufall.
„Ein
Stativfuß,“ sagte er. „Der Mann
beobachtete. Vielleicht
fotografierte er sein Werk — oder wartete auf
uns.“
„Dann hat er uns jetzt,“
brummte Haberl und zog den Mantel enger.
Spiros trat zurück in den
Hof, ließ den Blick über das Pflaster
schweifen. Zwischen Frostblumen im Staub ein schmaler
Rillenabdruck, parallel geführt, zweimal um
den Brunnen, dann zur Toröffnung hinaus.
„Kein Wagenrad,“ sagte er.
„Zu schmal. Ein Handkarren. Vielleicht für
Milchkannen oder…“
„…für
Kanister,“ ergänzte Dr. Roth. „Aus Metall. Ich
wette, wir finden Spuren von Eisenoxid am
Brunnenrand.“
„Wir nehmen die Probe im AKH,“ entschied sie und ließ den Mantel der Toten wieder schließen. „Ich will wissen, womit das Zeichen gemalt wurde, und ob Reste von Gerinnungshemmern im Blut sind. Wenn er das Blut bewegen wollte, musste er es fließfähig halten.“
„Dann ist er entweder
Apotheker, Sanitäter,
Krankenpfleger,“ zählte Haberl auf, „oder ein
Herrgott.“
„Oder,“ sagte Spiros, „ein
Mann aus jenen Vereinen, die sich für
Orden halten und Krankenstuben als
Labor missbrauchen. Thule-Kreise, völkische
Salons, paramilitärische
Turner mit Heilkundigen in der Hinterhand.“ Er
steckte den Zettel ein. „Und sie lieben
Zeichen. Sie beten sie nicht an — sie
signieren damit.“
„Wir sperren die Gegend ab,“
sagte Haberl, „und morgen früh klapper ich die
Privatapotheken ab. Wer Phenol in Mengen
kauft, schreibt sich an die Wand.“
Dr. Roth nickte. „Und ich
nehme die Leiche mit. Noch heute
Nacht.“
Spiros war bereits wieder am
Brunnen. Er beugte sich über den Rand, fuhr
mit dem Handschuh über den Eisfilm. Etwas
klaute unter der Kruste. Er klopfte sanft, die
Oberfläche riss sternförmig. In der
Mitteltasche des Brunnens lag, kaum sichtbar, ein
kleiner Glaszapfen — bräunlich schimmernd, mit
angetrocknetem Saum.
Er fischte ihn mit der
Pinzette heraus. „Zapfen einer Laborflasche,“
sagte er. „Und sehen Sie — ein Wachsrest. Er
hat etwas versiegelt transportiert.“
„Vielleicht sein
Souvenir,“ murmelte Haberl
düster.
„Vielleicht seine
Angst,“ antwortete Spiros. „Wer versiegelt,
fürchtet Vermischung. Der
Reine fürchtet das
Unreine.“
„Sie reden in Bildern, Herr
Freiherr,“ sagte Dr. Roth und schloss den Obduktionskoffer.
„Ich rede in Schnitten. Morgen um acht in der
Pathologie? Ich gebe Ihnen harte Fakten. Keine
Runen, keine Gespenster.“
Spiros lächelte kaum
merklich. „Ich bringe Ihnen dafür ein paar
Linien. Keine Gespenster, nur
Geometrie.“
Sie trugen die Bahre zum
Wagen. Der Hof wurde wieder still. Am Tor blieb Spiros stehen,
drehte sich noch einmal zum Haus. Der Efeu hing wie dunkles
Haar über der Mauer, die Kamine duckten sich gegen den
Mond.
„Ich beschütze
dich,“ wiederholte er und hörte zu, wie die Worte im
Frost zerbröselten. „Sagen Sie mir, wen.“
Er wandte sich an Haberl. „Zwei Wege für den Morgen: Apothekenlisten und Vereinsregister — besonders jene, die sich seit 1918 neu gebildet haben. Suchen Sie nach Lesekreisen, Heilkundlern, Vermessern. Ich sehe mir heute Nacht noch die Karten an. Die Tatorte bilden ein Bild — und Bilder lügen nur, wenn man sie allein lässt.“
Haberl nickte schwer. „Ich stell’ zwei Mann hierher. Wenn unser Geometer zurückkommt, trifft er auf Asymmetrie.“
„Sehr gut,“ sagte Spiros. Er klappte die Taschenuhr auf. „Drei nach zwölf. Zeit, dass Wien wieder atmet.“
Der Wind fuhr einmal durch den Hof, löschte fast die Laterne. Für einen Herzschlag lang war alles schwarz. Als das Licht wiederkam, sah Spiros auf den Boden — und bemerkte, dass die drei weißen Kiesel nicht mehr völlig gleich standen. Einer war einen Fingerbreit verrutscht.
Er zwirbelte den
Schnurrbart.
„Er war
da,“ flüsterte er. „Oder er ist es
noch.“
Morgengrauen in der Pathologie – Der Symmetrie-Mörder
Der Morgen brach grau und frostig an. Über Wien lag eine dünne Nebeldecke, durch die die Gaslaternen noch glommen, während die ersten Pferdekarren über das Kopfsteinpflaster klapperten.
Im Anatomischen Institut des Allgemeinen Krankenhauses war es still bis auf das Ticken der großen Uhr in der Halle. Dr. Verena Roth stand bereits über der Bahre, die Ärmel des weißen Kittels hochgekrempelt, die Stirn von einer Arbeitslampe angestrahlt. Metallisches Klirren, als sie ein Skalpell in die Schale legte.
Spiros trat ein, zog die
Handschuhe aus und legte den Hut ab. Sein Schnurrbart glänzte
von der Morgentoilette, die Bewegungen waren so präzise wie der
Strich eines Zirkels. Er nickte knapp.
„Fakten, gnädige Frau
Doktor?“
„Fakten,“ erwiderte sie,
ohne aufzusehen. „Sie war tatsächlich völlig ausgeblutet. Kein
Tropfen Restblut in den großen Gefäßen. Aber sehen Sie
hier—“
Sie wies mit einer Pinzette
auf die Bauchregion. Das schwarze Zeichen, das sie in der Nacht
gesehen hatten, war in hellem Licht noch deutlicher. „Die
Substanz: eine Mischung aus Ruß und
Phenollösung. Wer das aufgetragen hat, wusste
um die konservierende Wirkung. Das Zeichen sollte nicht
verlaufen.“
Spiros beugte sich näher,
fixierte die Linien. „Und die Form bleibt Thule.“
„Es bleibt ein Symbol,“
sagte Roth kühl. „Mehr nicht. Zeichen haben keine Macht –
Menschen geben ihnen Macht.“
Sie ging weiter zur Einstichstelle in der Leiste. „Hier: sauber eröffnet, Vena femoralis. Ich habe Reste von Citrat im Gewebe gefunden – das Blut wurde gerinnungsfrei entnommen. Keine stümperhafte Arbeit. Eher klinisch.“
Spiros nickte langsam. „Ein
Techniker, wie ich sagte. Kein Schattenwesen. Ein Mann mit
Zugang zu Mitteln.“
Er zog eine Karteikarte aus
der Tasche, notierte Zahlen, unterstrich sie zweimal.
„Gerinnungshemmer. Phenol. Glasflaschen mit Wachsverschluss.
Und Thule.“
Dr. Roth wischte sich die
Stirn mit einem Tuch, seufzte. „Sie hören nicht auf, Muster zu
sehen, nicht wahr?“
„Muster sind die Sprache,
Frau Doktor. Wer sie liest, hört, was andere nicht
hören.“
„Und doch,“ erwiderte sie scharf, „sehen Sie nur Linien, während ich hier die kalten Organe in der Hand halte. Es war ein Mensch, Spiros. Kein Symbol.“
Für einen Moment herrschte Stille, nur das Summen der Lampe und das Tropfen einer Flüssigkeit in einem Glasröhrchen waren zu hören.
Da öffnete sich die Tür. Kommissär Haberl trat herein, Mantel über dem Arm, die Stiefel noch vom Frost gesprenkelt. „Wir haben was,“ sagte er rau. „Ein Apotheker in Ottakring meldet seit Wochen größere Mengen Phenol und Citrat – bar bezahlt, immer von demselben Mann. Und jetzt raten Sie, was der Kerl als Berufsangabe auf den Schein schreibt?“
Spiros hob den Kopf, der Schnurrbart zuckte. „Vermesser?“
Haberl nickte ernst. „Richtig. Vermessungsingenieur.“
Szene im Café Central – Der Symmetrie-Mörder
Die Gaslaternen draußen warfen schwaches Licht auf den schimmernden Pflasterstein, als Spiros die schwere Flügeltür des Café Central aufstieß. Drinnen war die Luft ein Gemisch aus Kaffeeduft, Zigarrenrauch und dem süßen Klang von Porzellan, das aufeinanderschlug. Kronleuchter warfen goldenes Licht über Marmortische, an denen Studenten, Schriftsteller und Herren in dunklen Anzügen Karten legten, diskutierten, Zeitung lasen.
Ein Pianist spielte im Hintergrund eine gedämpfte Walzermelodie, die im Gemurmel der Stimmen fast unterging. Kellner mit schwarzen Westen und weißen Handschuhen eilten mit Tabletts vorbei. An den Wänden hingen Spiegel, die das Licht vervielfachten, und das Gemurmel klang, als wäre ganz Wien hier versammelt.
Spiros ließ den Blick schweifen. Er liebte diese Räume – die hohen Gewölbe, die Säulen, den Geruch nach gebratenen Kastanien, der noch von draußen hereinwehte. Das Café war wie Wien selbst: romantisch, nostalgisch, und doch mit einer leisen Melancholie.
In einer Ecke, an einem Tisch mit Blick auf die Fensterscheiben, saß der Mann, den sie suchten. Ein hagerer Herr mit schmalem Gesicht, akkurat gezwirbeltem Schnurrbart – nicht so prächtig wie der von Spiros, doch gepflegt. Vor ihm lagen Pläne, Lineale, und ein Zirkel, den er fast zärtlich berührte.
Spiros trat näher. Der Mann erhob sich halb, reichte ihm eine knochige Hand. „Herr Freiherr von Welsbach. Ich hörte, Sie interessieren sich für Linien. Ich bin Ingenieur Krall, Vermesser im Zivilstand.“
Sie nahmen Platz. Der Kellner brachte mokkabraunen Kaffee, zwei Gläser Wasser, ein Körbchen Kipferl.
„Sie beschäftigen sich mit
Symmetrien, nicht wahr?“ fragte Spiros leise.
Krall nickte, die Augen
glänzend. „Symmetrien sind der Beweis, dass der Mensch sich der
Natur angleicht. Ich glaube an die Schaffung eines
neuen Menschen, eines Übermenschen, für den
die Naturkräfte die höchste Freiheit symbolisieren. Ein Mensch,
der sich endgültig befreit vom Zwang menschlicher und
göttlicher Gesetze.“
Seine Stimme senkte sich, fast ehrfürchtig. „Sehen Sie: der alte Mensch hängt an Dogmen, an Moral, an Traditionen. Aber wir — wir können neu vermessen, neu ordnen. Städte, Körper, Seelen. Alles folgt den Linien, wenn man sie erkennt.“
Spiros beobachtete ihn über den Rand der Tasse hinweg, die Hände ruhig, die Pupillen wachsam. „Sie sprechen, als wären Linien ein Evangelium, Herr Krall. Aber der Mensch ist keine Figur. Er bricht, er widerspricht, er liebt — und er stirbt unsymmetrisch.“
Krall lächelte dünn. „Nur die Schwachen sterben unsymmetrisch. Wer stark ist, hinterlässt ein Muster. Und ich… ich will nichts als Muster hinterlassen.“
Um sie herum rauschte das Café: ein Studentengrüppchen lachte, eine ältere Dame fütterte im Fensterlicht Tauben mit Bröseln, die Kellner balancierten dampfende Teller. Wiener Charme lag über allem, ein Gefühl von Vertrautheit, fast Liebe – und doch, zwischen den beiden Männern am Tisch, lag ein Schatten, der tiefer war als alle Spiegel in diesem Raum.
Spiros stellte die Tasse leise ab. Sein Schnurrbart zuckte, die Stimme war sanft wie ein Skalpell. „Herr Krall… Muster, die mit Blut geschrieben sind, sind keine Ordnung. Sie sind nur… ein Verbrechen.“
Kralls Finger spielten mit dem Zirkel, und für einen Moment spiegelte sich im blanken Metall das Licht des Kronleuchters wie eine Sonne. „Oder ein Beginn,“ flüsterte er.
Dramatische Zuspitzung im Café Central
Die Luft im Café war schwer vom Duft nach Mokka und Rauch, draußen rollte eine Straßenbahn scheppernd vorbei. Spiros rückte seinen Stuhl einen Fingerbreit näher, so dass der Abstand zwischen ihm und Krall exakt gleich dem zwischen Tasse und Wasserglas war.
„Herr Krall,“ begann er leise, „ein Zeichen fand sich am Körper der Toten. Ein Winkel, ein Stab, Linien… Ihnen müsste es vertraut sein.“
Kralls Finger hielten inne, der Zirkel blieb halb geöffnet in seiner Hand. Ein Schatten huschte über sein schmales Gesicht. „Zeichen? In dieser Stadt gibt es tausend Kritzeleien. Bettler malen Kreuze, Studenten Runen, Kinder spielen mit Kreide. Sie sollten nicht jedes Strichlein ernst nehmen.“
„Und doch,“ sagte Spiros, den Schnurrbart glattstreichend, „war dieses Zeichen kein Spiel. Es war Thule.“
Das Klirren eines umgestoßenen Löffels irgendwo im Raum übertönte den Moment. Krall blinzelte, dann beugte er sich leicht vor, seine Stimme ein Flüstern: „Sie sind belesen, Herr Freiherr. Mehr als die Polizei, gewiss. Aber Thule… das ist ein Gedanke, keine Tat.“
„Ein Gedanke, der auf nackter Haut eingeritzt war,“ erwiderte Spiros scharf. „Sagen Sie mir, Herr Krall: Wo waren Sie in der Nacht, als die Frau unter dem Riesenrad gefunden wurde?“
Krall lächelte dünn. „Fragen wie von einem Kriminalbeamten. Ich fürchte, mein Alibi ist wenig romantisch. Ich war zu Hause, in Hietzing. Meine Nachbarin, Frau Engelhardt, kann bestätigen, dass ich ihr beim Ofen half – das Feuer zog nicht, sie bat mich um Rat.“
„Um welche
Stunde?“
„Etwa gegen zehn. Danach las
ich in meinen Unterlagen, bis mich der Schlaf
übermannte.“
Spiros sah ihm unbeweglich
in die Augen. „Sie schlafen also allein, Herr
Krall?“
Ein kurzes Zucken um Kralls
Mundwinkel. „Ich bin Witwer. Allein – ja.“
Für einen Moment herrschte nur das Rascheln der Zeitungen ringsum. Spiros beobachtete jede Regung: die unruhig zuckenden Fingerkuppen, das leichte Zittern, als Krall die Kaffeetasse ansetzte, die Spur Schweiß, die ihm trotz der kühlen Luft über die Schläfe lief.
„Es gibt Menschen,“ sagte Spiros schließlich, „die glauben, der neue Mensch müsse frei sein von göttlichen und menschlichen Gesetzen. Aber in Wahrheit, Herr Krall, ist er nur ein Gefangener seiner eigenen Symmetrien.“
Krall stellte die Tasse hart ab, zu hart, der Kaffee schwappte über den Rand. Seine Stimme war kaum mehr als ein Zischen: „Dann passen Sie auf, Herr Freiherr. Wer in Symmetrien gefangen ist, sieht auch, wenn ein Mensch nicht ins Muster passt.“
Er stand auf, die Pläne unter dem Arm, der Zirkel im Mantel verschwunden. Einen kurzen Augenblick trafen sich ihre Blicke im Spiegel gegenüber: zwei Männer, beide mit Schnurrbart, beide Suchende – nur auf verschiedenen Seiten der Linie.
Spiros blieb sitzen, ordnete die Tassen im exakt gleichen Abstand, als hätte er das letzte Wort. „Sehr schön,“ murmelte er. „Dann haben wir wenigstens einen Anfang.“
Zweites Opfer – Der Tisch des Bösen
Der Stein lag mitten auf der kleinen Lichtung, flach und rau, und die Bauern der Umgebung nannten ihn seit Jahrhunderten den „Tisch des Bösen“. Niemand wusste genau, warum – ob wegen alter Opfergeschichten, oder weil sich hier Hexensagen und dunkle Erinnerungen verdichteten.
Darauf lag nun ein zweites Mädchen. Jung, blond, die Augen geschlossen, die Hände gefaltet, als hätte man sie zu einem unschuldigen Schlaf niedergelegt. Doch auf ihrem Bauch prangte erneut das schwarze Zeichen – die Runenform, die Spiros sofort wiedererkannte: Thule.
Er kniete nieder, fuhr mit dem behandschuhten Finger über die Gravur des Steins. In den rauen Linien, die längst vermoost waren, glänzten frische Spuren. Der Mörder hatte das alte Heidenmal benutzt, um sein Werk wie eine liturgische Handlung wirken zu lassen.
„Er wählt Orte,“ murmelte Spiros, „die eine alte Aura haben. Er schreibt sich in Geschichten ein, die älter sind als wir. So gewinnt er doppelte Macht: die der Angst und die des Blutes.“
Kaum einen Steinwurf entfernt duckte sich ein schmuckes, weißes Häuschen in einen verwilderten Garten. Hinter dem schiefen Zaun hing ein Boot aufgebockt, die Farbe blätterte, die Netze am Gestell waren verblichen, hundertmal geflickt. Der Wind zupfte daran, als wären es Totenfahnen.
Spiros trat an den Zaun, die Augen scharf. Da huschte eine Katze hervor, strich trotzig zwischen den Beeten entlang – ihr Fell war zerzaust, ihr Blick hell und fordernd. Etwas an ihrem Auftreten passte nicht zu diesem verlassenen Fleck.
„Fangen Sie sie,“ befahl
Spiros knapp. Haberl runzelte die Stirn. „Eine
Katze?“
„Nichts tritt hier zufällig
auf. Auch kein Tier.“
Während der Kommissär widerwillig versuchte, die Mieze einzufangen, ging Spiros langsam zum Saum des kleinen sandigen Platzes. Er blieb im Schatten der Hauswand stehen, den Blick auf den Boden geheftet.
In der Mitte wuchs eine alte, knorrige Eiche, deren ausladende Äste wie schwarze Finger den Platz beschatteten. Der Schatten legte sich in einem Muster über den Staub, das Spiros’ Augen sofort bannte. Linien. Wieder Linien.
Nur wenige Schritte weiter schwappte bereits der See ans Ufer. Ein langer, dunkler Holzsteg führte hinaus ins Wasser, die Planken feucht und knarrend. An den Seiten waren Boote vertäut, Masten schwankten sacht im Wind.
Spiros trat auf den Steg. Sein Blick senkte sich, und da war es wieder: ins Holz eingeritzt, roh aber erkennbar – das Zeichen. Wieder dieselbe Form, dieselbe kalte Geometrie.
Er schloss die Augen, hörte das Knarren des Holzes, das Schlagen der Wellen, das Miauen der Katze im Hintergrund. Dann öffnete er sie wieder, schnurrbartglatt, Stimme knapp:
„Dies ist kein einzelner Mord. Es ist eine Karte, die er zeichnet. Die Orte – das Riesenrad, der alte Kultstein, jetzt der Steg am See – sie sind Knotenpunkte. Der Mörder legt Wien und seine Umgebung neu aus. In seinem Kopf vermisst er das Land… und füllt die Linien mit Blut.“
Das Symbolnetz – Spiros’ Karte
In seinem Arbeitszimmer in Hietzing lag die große Karte von Wien und Umgebung auf dem Tisch. Gaslicht brannte, der Schatten der Lampe wanderte über die Papierränder. Spiros hatte Nadeln in die Orte gesteckt: Prater – Riesenrad, Kultstein am See, und nun einen dritten Punkt. Mit rotem Faden spannte er Linien, zog sie straff.
„Sehen Sie,“ erklärte er, während Kommissär Haberl auf der anderen Seite stand, „die Orte sind nicht zufällig gewählt. Wenn ich die Linie vom Riesenrad zum Kultstein verlängere, schneidet sie den Steg am See – exakt im Winkel von 45 Grad. Ein vermessener Plan, Herr Kommissär. Unser Täter schreibt Wien neu, wie ein Geometer, der seine Stadt in Figuren bannt.“
Haberl knurrte, schob die
Mütze nach hinten. „Muster schön und gut. Aber im weißen Häusl
hockt eine alte Fischerwitwe. Sie sagt, ein Mann lässt sein
Boot dort abstellen. Zahlt bar, redet kaum. Und raten S’, wer
das ist?“
Spiros sah ihn nur
an.
„Krall,“ sagte Haberl knapp.
„Der Vermesser.“
Der rote Faden auf der Karte spannte sich wie ein Nerv. Spiros’ Augen funkelten. „Dann bestätigt sich, was ich ahnte. Er benutzt Orte, die schon ein Echo tragen – Heidenmale, Symbole, Stege. Aber jetzt—“ Er legte eine neue Nadel auf die Karte, bohrte sie hart in den Plan. „Jetzt wird er die Figur vollenden. Und dafür braucht er ein drittes Opfer.“
Drittes Opfer – Ein Wandel im Muster
Die Nachricht erreichte sie im Morgengrauen: Eine weitere Leiche, gefunden in einer verlassenen Laube am Donaukanal. Spiros und Haberl eilten hin, Dr. Roth wartete schon vor Ort.
Das Mädchen lag auf einer hölzernen Bank, die Hände gefaltet wie zuvor, blondes Haar über die Schultern gegossen, die blauen Augen geschlossen. Aber diesmal – kein Blutverlust. Keine blasse, ausgezehrte Haut. Nur die Ruhe des Todes, als wäre sie eingeschlafen.
„Name?“ fragte
Spiros.
Dr. Roth hielt ein
zerknittertes Papier hoch. „In ihrer Tasche lag ein Ausweis.
Sie hieß Sarah Levy.“
Haberl runzelte die Stirn.
„Levy? Das klingt…“
„Jüdisch,“ ergänzte Spiros
leise. Seine Stimme war schneidend. „Und sehen Sie: blond,
blauäugig – wie die anderen. Doch diesmal hat er nicht ihr Blut
genommen.“
„Warum?“ fragte Dr. Roth.
„Ein Fehler? Störung?“
Spiros beugte sich, prüfte
die Haut, die Lippen, den Hals. Keine Wunden, keine Einstiche.
Nur auf der Bauchdecke wieder das Zeichen, dunkler, härter
eingeritzt.
„Kein Fehler,“ murmelte er. „Ein Wechsel. Sarah Levy ist eine Botschaft. Er wollte, dass wir wissen: Seine Figur kennt Auswahl. Er wählt nicht nur Körper, er wählt Symbole. Thule, Opferstätten – und nun eine Jüdin mit nordischem Antlitz.“
Haberl fluchte leise. „Das
wird eine Hetze geben, wenn’s rauskommt. Zeitungen stürzen sich
drauf.“
Spiros strich den
Schnurrbart glatt. „Und genau das will er. Er vermisst nicht
nur Wien. Er vermisst die Seelen dieser Stadt.
Er will sie spalten, ängstigen, treiben. Und jeder neue Punkt
auf meiner Karte bringt ihn näher zu seinem vollkommenen
Muster.“
Er sah auf die tote Sarah,
das Zeichen, das wie eingebrannt wirkte. „Aber diesmal, Herr
Kommissär, hat er einen Fehler begangen.“
„Welchen?“
Spiros’ Augen blitzten. „Wer
kein Blut nimmt, hinterlässt mehr Spuren.“
Finale im Labor und am Himmel
Die Katze strich mit erhobenem Schweif voraus, führte sie durch den Hintereingang direkt ins Herz des Hauses. Hinter schweren Vorhängen, in einem Raum voll kalten Lichts, öffnete sich Kralls Labor.
Regalwände, dicht an dicht. Aufgereiht in Schüben: Glasbehälter mit Etiketten. Spiros zog einen hervor, die Finger kalt wie Stahl. Er las laut:
„Rasse- und Siedlungshauptamt – Gruppe A. Alter 17. Entnommen von: 0013.“
Die Worte hingen wie ein
Schlag im Raum. Haberl schluckte hörbar. Dr. Roths Gesicht
wurde aschfahl.
„Das Seusal…“ flüsterte sie.
„Diese Sammlung hat die armen Mädchen ermordet.“
Da krachte es über ihnen. Mit wilder Gewalt flog die Tür im Obergeschoss auf. Kralls Stimme donnerte herunter, überschlug sich vor fanatischem Rausch:
„TSS! Was bedeutet ein paar nutzlose Leben, wenn es darum geht, eine neue Welt zu schaffen, eine Rasse? Deutschland braucht das gesamte nordische Blut der Welt, um unsere Zukunft zu reinigen! Morgen herrscht eine neue Ordnung!“
Ein Schuss krachte. Dann noch einer. Die Kugeln zischten knapp an Spiros und Roth vorbei, splitterten Glas, ließen die Behälter beben. Dann rannte Krall, eine kleine Ledertasche unter dem Arm, die Treppe hinab und hinaus in den Hof.
Draußen tobte der Wind. Krähen erhoben sich aus den Bäumen, ihr Gekrächze ein heiserer Chor. Schwarz stoben sie über den Himmel, stießen auf Krall herab, hackten nach ihm, flatterten kreischend über die bleigrauen Dächer und die bleichen Mauern.
Der Wind zerrte am Efeu, rüttelte an den Bleifenstern, peitschte das alte Remisentor, das wie von unsichtbarer Hand aufschlug. Es war, als ob die Stadt selbst Kralls Flucht verhindern wollte.
Wütend schlug er nach den
Vögeln, brüllte, stolperte, schimpfte. Da, plötzlich, vibrierte
die Luft: ein tiefes
Motorengeräusch.
Über den Dächern schob sich
ein gewaltiger Zeppelin, sein Bauch von Sturm
gebeutelt, das Stahlgerüst ächzte im Wind.
Eine Strickleiter schnellte herab. Krall griff danach wie nach dem Strick zur Erlösung. Die Tasche fiel ihm aus der Hand, schlug im Hof auf, zerplatzte – Glasbehälter zerbarsten, eine stinkende Blutspur floss ins Pflaster.
Die Krähen stürzten erneut herab, hackten, flatterten, kreischten. Krall zerrte sich hoch, doch der Zeppelin schwankte, wurde vom Wind gegen den Himmel gedrückt.
Alle unten hielten den Atem an. Spiros stand reglos, der Schnurrbart straff, die Augen schmal, als würde er ein Gleichnis betrachten.
Dann krachte es: Der Zeppelin schwankte, drehte ab – und riss Krall seitlich mit, direkt gegen die steinene Mauer des verwilderten Parks. Ein dumpfer Schlag, ein hässliches Splittern.
Als der Zeppelin taumelnd davonstieß, blieb ein einziger, riesiger, dunkler Fleck auf der Mauer zurück. Ein Vermesser, zermalmt im Sturm, von der eigenen Hybris zu Staub geschlagen.
Die Krähen schwärmten auseinander. Stille legte sich. Nur der Wind fuhr weiter durch die Weiden, deren Zweige sich im Sturm bewegten wie das Haar der Toten.
Nachklang in Hietzing – Spiros’ Arbeitszimmer
Das Gaslicht flackerte, die Schatten an den Wänden seines Arbeitszimmers tanzten wie stumme Zeugen. Auf dem Tisch lag die große Karte von Wien, überzogen mit Nadeln und Fäden. Nun war das Netz geschlossen, die Figur vollendet – aber nicht in der Schönheit, die Krall gesucht hatte, sondern in der Fratze eines Irrsinns.
Dr. Verena Roth saß ihm gegenüber, die Hände verschränkt, der Blick müde und wach zugleich. „Es erklärt, warum Sarah Levy kein Blut verlor,“ sagte sie leise. „Blond, blauäugig, jüdischer Name – sie passte in sein krankes Weltbild nicht als Quelle, sondern als Beweis. Er wollte zeigen, dass sein Wahn auch gegen die Logik der Gene geht. Ein Triumph der Ideologie über die Wirklichkeit.“
Spiros strich über den Faden, der die Tatorte verband. „Sein Muster war niemals geometrisch,“ murmelte er. „Es war ein Dogma. Linien, die Menschen zu Werkzeugen machen. Sarah Levy war nicht Opfer seiner Gier nach Blut, sondern Opfer seiner Theorie.“
Sie schwiegen eine Weile. Draußen begann der Morgen, ein Wagen rumpelte über das Kopfsteinpflaster, irgendwo bellte ein Hund.
„Und nun?“ fragte Verena schließlich.
Spiros’ Blick verhärtete sich. „Krall war kein Einzelner. In den Tagen nach seinem Tod habe ich Wien durchkämmt wie mit einem Sieb. Hinter Hinterzimmern, in Vereinen, in billigen Salons – überall dieselben Worte, dieselben Zeichen. Sie nannten sich Kameraden, Eingeweihte, Bruderschaften. Als wir zuschlugen, nahmen sich viele das Leben mit Zyankali-Kapseln, feige bis zuletzt.“
Er griff nach einem Glas, das auf dem Fensterbrett stand, nippte. „Es war kein Mordermuster. Es war ein Netzwerk. Krall war nur ein Knoten.“
Dr. Roth beugte sich vor, ihre Stimme wurde weich. „Sie können nicht jedes Gespenst jagen, Spiros.“
Er hob den Kopf, der Schnurrbart scharf gezeichnet im Schein des Lichts. „Und doch muss jemand es tun, Frau Doktor. Denn diese Stadt – unsere Stadt – ist ein Sieb. Und wenn wir nicht Acht geben, rinnt uns durch die Maschen nicht nur Blut, sondern die ganze Zukunft.“
Er drehte die Taschenuhr in der Hand, hörte das Ticken. Ordnung in der Zeit, wenigstens hier. Dann stach er die letzte Nadel in die Karte, mitten in das Herz Wiens.
„Das Muster ist zerstört,“ sagte er knapp. „Aber die Linien bleiben. Und ich werde sie lesen.“
Verena sah ihn lange an, und in ihrem Blick lag ein Hauch von Sorge – und vielleicht auch von Hoffnung.
Draußen erhob sich der Wind und fuhr durch die kahlen Äste, als wollte er Wien mahnen, dass noch nicht alle Schatten vertrieben waren.
